Zeit graben

Knecht seiner eigenen Zeit, ist er, denkt er… Jetzt schmeiß ich die Uhr doch raus, ist seine Schlussfolgerung. Er packt sich in seinen Wintermantel, und schaut ein letztes Mal auf die lederne Armbanduhr bevor er zur Tat schreitet. Hastig greift er nach dem Schlüsselbund, schließt seine Wohnung ab und läuft nach unten, durch das kalte Fliesentreppenhaus mit dem Terrazzoboden, der jeden Schritt vertont. Er sieht durch die runden Luken des Treppenhauses, dass es schneit; dichte Flocken, die lautlos durch die Luft zu schweben scheinen. Als er die Tür öffnet, schneidet ihm der Wind ins Gesicht. Er beißt die Zähne zusammen, schlingt den Mantel enger um seinen Laib und rückt den Kaschmirschal zurecht, um sich vor der Kälte zu schützen. Mit schnellen Schritten setzt er seinen Weg westwärts fort. Sein Ziel ist der Friedhof. Als er am Rande des ersten Feldes angelangt ist, beginnt er das Grab zu schaufeln. Mit eisigen Fingern umklammert er den Holzgriff der Schaufel. Der gefrorene Boden ist schwer aufzubrechen. Es dauert länger als er dachte. Als die Kuhle groß genug ist, begräbt er die Küchenuhr. Seine Armbanduhr wirft er hinter her.
[Happy end]

[Epilog] Geradezu erleichtert macht er sich auf den Heimweg. Er nimmt sich die Zeit im Vorbeigehen ein paar Schaufenster zu besichtigen. Mit einem Lächeln, seltsam erwärmt, schlendert er ostwärts…Zuhause angekommen, macht er etwas, was er schon sehr, sehr lange nicht mehr gemacht hat. Er setzt sich in seinen Lieblingssessel und macht: Einfach mal nichts. Rein gar nichts. [Ende]