Kaktusgeschichten 2. Der Kaktus-Daumen

Ma erzählt mir eine Geschichte von meiner Oma. “Ich durfte meine Mutter nicht Mama nennen,” Das gefiel Ma nicht, darum besteht sie darauf, dass ich sie Mama nenne. Mir gefällt aber Mama nicht, ich nenne sie lieber Ma. Das klingt irgendwie cooler. Die Geschichte beginnt folgendermaßen: “Meine Mutter sagte, du musst mit den Pflanzen sprechen.”

Es liegt also in der Familie, der Eigensinn, aber auch ‘das Sprechen mit Pflanzen.’ Meine Großmutter hatte einen riesigen Garten voller Blumen, Obst und Gemüse, direkt hinter dem Bauernhof, den ihre Familie seit Generationen pachtete. Die Pacht wurde genau wie der grüne Daumen von Generation zu Generation weitergegeben. Der Garten auch. Ich erinnere mich noch an das Rauschen der Kastanienbäume vor dem Gehöft, das Knirschen der Kieselsteine, die unter den Reifen wegspritzten, wenn ein Auto in die Einfahrt fuhr. Der Garten lag seitlich von der Einfahrt und war durch einen Maschendrahtzaun vom Kies geschieden. Hinter dem Zaun lag nur noch sanftes Gras und Grün. Die Erinnerungen sind so lebendig, dass wenn ich meine Augen schließe, das Grün aus der Vergangenheit übernimmt. Ich gehe über den Kies, der unter meinen Füssen knirscht, öffne das kleine Gatter und trete auf den weichen Grasboden. Da ist er, der lebendige Geschmack von Stachelbeeren, Brombeeren, Johannisbeeren, der Geruch von frischer Minze, der Wind der die Kastanien zum Leben erweckt und die Stimmen meiner Cousinen die zwischen den hohen Ranken Versteck spielen. Ein Gemüsegarten ist auf dem Bauernhof Pflicht. Meine Oma verbrachte die Hälfte ihres Sommers im Garten. Bis zu ihrem Tod war der Garten ihr Territorium, wachte sie über die Beeren und Blumen, während das Land von meinem Opa bestellt wurde. Später war da niemand, der die Pacht übernahm. Der Hof wurde von den Nachpächter in einen Ponyhof umgewandelt. Meine Ma zog bereits als junge Frau weg. Sie mag lieber Kakteen, die sind weniger anspruchsvoll als Gemüse. Davon hat sie Hunderte in allen Größen und Formen in weißen Porzellantöpfen. Runde, Eckige, Schmale, Lange, Sich-vervielfältigende, mit spitzen Blättern oder gemeinen Stacheln, Säulenkaktusse, Melonenkaktusse und wie sie alle heißen…Sie stehen im Wohnzimmer und Esszimmer auf den speziell dafür entworfenen Fensterbänken. Die hat sie selber zusammen mit dem Architekt entworfen. Eine ganze Wand ist hölzerner Rahmen, halb Holz, halb Glas, davor die weißen Heizkörper mit weiß lackierten Trägern und darauf dicke beige Platten. Die Platten sind aus zweifingerdickem Juramarmor mit kleinen Muscheleinschlüssen. Dieser trägt die Kakteen in sicherem Abstand von der Heizung.
Nachdem ich die Geschichte gehört habe, gehen wir in den Blumenladen und Ma schenkt mir meinen ersten Kaktus. „Der da“ sage ich und zeige auf den mickrigsten. Er ist so klein, dass man ihn auf ein Zweieurostück stellen könnte. Seine Stacheln sind zierlich und sehen so flauschig aus, dass man meint, man könnte ihn streicheln. Das tut dann aber doch weh. Die Verkäufern verpackt den Kleinen in einen durchsichtigen Plastikcontainer. Bei der Autofahrt darf er auf meinen Schoss. Zuhause sage ich dann zu Ma. „Der Kaktus heißt Eddie“. Das erste was ich zu Eddie sage, ist,
“Ich taufe dich Eddie. Hier trink, das wird dir gut tun!”

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