Zum Mitleben bewegt

Im Zug setze ich mich ans Fenster und ziehe den Rollkoffer neben mir zwischen Sitz und Lehne. Auf den Sitz lege ich meine Handtasche aus blaugefärbten Wildleder. Langsam schäle ich mich aus Lagen von Hemden und Pullover, blauem Trenchcoat, grobmaschigem, beigen Schal und grauer Bommelmütze und mache damit einen Antiklauschutzhaufen auf der Tasche. Als ich mich hinsetze, beobachte ich ein Mädchen, das auf der anderen Seite des Ganges sitzt, quasi neben mir, würde man den Haufensitz nicht mitzählen. Sie starrt gebannt auf ihren Laptop, den sie vor sich auf dem Tischchen stehen hat. Mit Ohrstöpselkopfhörern verfolgt sie einen Film der für mich nur als Reflektion auf ihrem Gesicht erkennbar ist – Schattenspiele in verschiedenen Tönen. Ich krame mein Buch aus der Handtasche unter dem Haufen raus, mache einen neuen Haufen und fange an zu lesen, als das Mädchen plötzlich laut ruft:

“Packt ihn, packt ihn.”
Langsam drehe ich mich in ihre Richtung und schaue sie an. Ihr Blick hängt wie mit unsichtbaren Fäden am Bildschirm fest und mit geballten Fäusten wiegt sie sich im Sitz vor und zurück. Das Schattenspiel auf ihrem Gesicht intensiviert sich, wird in schneller Folge zu bläulichen, grünlichen und rötlichen Tönen – ein intensives Farbenspektakel. Ich sehe dem Farbenspiel einen Moment zu, staune über die Hingabe des Mädchens, das die Welt um sich zu vergessen scheint, wende mich dann aber wieder meinem Buch zu. Ein paar Momente später schreit das Mädchen nun so laut, dass sich auch andere Fahrgäste umdrehen:
“Zieht ‘n raus, zieht ‘n raus.”
Ich sehe sie wieder an, was sie jedoch nicht zu merken scheint. Als ob wir beide Marionetten wären, mit unsichtbaren Seilen zum Mitleben bewegt.

#Abenteuergeschichten