“Matschiger, brauner Schnee” – urige Rudigeschichte (Blog Zweijähriges Bestehen: Extra)

Matschiger, brauner Schnee bedeckt die Strassen und den Gehsteig. Die Kälte kriecht durch die Kleidung bis in die Knochen. Rudi H. schließt die Haustür hinter sich zweimal ab, rückt seinen Hut zurecht und nimmt Wastl an die Leine. „Los geht’s Wastl“, sagt Rudi zu dem alten Rauhaardackel, der schüttelt sich kurz, und sie marschieren los.’ Im ‚silbernen Ox’ ist es warm’, denkt Rudi und streicht sich über den Bauch. Er überlegt, was er gleich essen soll. Gänsebraten, Schnitzel oder lieber Sauerkraut mit Würstel? Wastl verrichtet sein Geschäft am nächsten Baum. Rudi sieht sich um. Niemand. Zügig läuft er weiter und ignoriert Wastls Häufchen. Die beiden passieren Einfamilienhäuser, abgezäunte Gärten, eine Einkaufspassage, mehrere Grünstreifen, die Wastl markiert; und schicke Boutiquen. Rudi liebt es sonntags, seinen Rauhaardackel auszuführen, in seiner Lieblingsschenke – dem silbernen Ox’, eine Halbe zu trinken und sich nebenbei eine zünftige Mahlzeit einzuverleiben. In der Regel versucht er vor seinen Stammtischkollegen dort zu sein, damit er den besten Platz wählen kann. Er könnte heute erster sein, wenn er dieses Tempo beibehält. Nicht verlangsamen, was auch kommt!

Er würde den Platz am Kamin wählen. Dort wo sein ganzer Rücken Platz am Kamin hat, und er nach und nach mehrere Kleidungsschichten ablegen würde und die alten Knochen wärmen.

Plötzlich spürt Rudi einen stechenden Schmerz in seiner Brust. Er fasst sich ans Herz. Ein betäubendes, lähmendes, Gefühl. Ein Stich. Ein Krampf. Sternförmig, pulsartig breitet sich der Schmerz aus. Rudis Kehle verengt sich wie ein Nadelöhr. Er japst nach Luft. Wastl bellt. Seine schlaffen Hände lassen die Leine los. Rudis Augen weiten sich zu zyklopischen dunklen Kreisen. Er japst, japst noch mehr, sackt in sich zusammen, auf die Knie, bleibt stumm liegen.

Als Rudi aufwacht, findet er sich in einem sterilen Zimmer, dessen Wände uringelb gestrichen sind. Im ersten Moment denkt er, er wäre im Himmel oder in der Hölle, doch dort wären die Wände nicht uringelb. Rudi bewegt den Kopf, ihm wird schwindelig und dann weiss er, dass er noch lebt.
Die Geschichte habe ich 2009 geschrieben.