Massageaussparungsecken

Wir waren allein. Ich lag neben ihm, mit dem Gesicht nach unten.  Er lag auf Massagebank Nummer eins und ich auf Massagebank Nummer zwei. Unsere Gesichter in der Aussparung, lagen wir einfach nur da, als ob wir nie etwas Anderes gemacht hätten. Es gab nichts zu tun.

Neben mir gab es drei weitere, leere Liegen. Erst waren sie links von mir. Doch dann verschoben sie sich lautlos, bis sie zwischen ihn und mich gelangten. Als ich von der Liege aufsah, sah ich nichts. Es war stockfinster. Intuitiv ahnte ich aber, dass er mich ansah. Stumm blickte ich in seine und er in meine Richtung. Nachdem wir eine Weile ins Dunkle gestarrt hatten, legten wir unsere Gesichter synchron wieder zurück in die Aussparung.

Lange Zeit war es einfach nur still. Es gab immer noch nichts zu tun. Irgendwann später ging die Stille über in ein Rauschen. Es schien von über unseren Köpfen zu kommen, ein Sauggeräusch das wie ein entfernter Staubsauger klang. Das Saugrauschen wurde zu einem mittelkräftigen Sausen und dann zu einem Flugzeugturbinentosen, das alsbald in ohrenbetäubendes Gewittergrollen überging. Es war, als ob jemand über uns eine ganze Palette von Geräuschen ausprobieren wollte. Das Grollen ging in ein Tappen über, ein Trippeln, als ob tausend Füße über uns freudetrunken tanzen würden. Je lauter die Geräusche wurden, desto mehr schienen sie aus unseren Köpfen selbst zu kommen.  Vom Trippeln zum Stampfen bewegten sich die nun sehr kleinen Füße in unseren Köpfen rund herum, immer schneller, in einem immer wütenderen Rhythmus.

Auf einmal rollten sich unsere Massageliegen nach oben, wie über eine unsichtbare Walze. Wir rollten mit den Liegen, verdünnten uns und wurden wie durch die Decke gebügelt. Am Ende kam ich flach heraus, wie ein Aufkleber und stand dort, wankend, wo vorher meine Liege stand. Ich schwankte hin und her. Auch er war flach genau wie ich, lag jedoch neben mir auf seiner Massagebank. Während ich versuchte das Gleichgewicht zu halten, wurde er von einem Masseur wieder in Form massiert. Ich sah zu, wie er von flach wieder Form bekam und schließlich dreidimensionaler wurde. An seinem Körper formten sich Ecken und Kanten. Aus den Händen des Masseurs strömten hunderte grell leuchtende, neonfarbene Zahlen in unterschiedlichen Größen, die die Ecken seines Körpers beeinflußten. Als er mich ansah, war sein Gesicht in tausende geometrische Formen unterteilt; er war ein kubistischer Körper. Ich sah den Masseur fragend an. Vielleicht konnte ich auch kubistisch werden?